Entspannt und gelassen, wie jemand, der sich mit seiner Situation gerade extrem wohlfühlt, so präsentierte sich Marcel Keßen bei seinem Zwischenstopp in Oldenburg. Ein bisschen so, als wäre Keßen nie weg gewesen. Und doch wird im Interview schnell deutlich, dass da ein anderer Marcel Keßen sitzt: gereift, in sich ruhend und mit Selbstvertrauen. Im Interview spricht Keßen über den Prozess, in der BBL anzukommen, über Ernährung als Schlüssel und zeigt große Vorfreude auf die Zeit in Oldenburg.
In einem Interview hast du gesagt, du würdest gerne mal eine Zeitreise in die 80er unternehmen. Möchtest du gerne mit hochgezogenen Socken und zu kurzen Hosen spielen oder was reizt dich daran?
Ja, ich würde den 80er-Swag in Kauf nehmen, um mal in den 80ern zu leben (lacht). Nein, ich mag einfach die Musik, wir haben gestern auf dem Weg auch sechs Stunden eine 80er-Playlist gehört. Ich meine aber auch die Zeit ohne Social Media, man hat sich verabredet und war dann gemeinsam im Moment. Von meinen Eltern habe ich auch viel über die Zeit gehört und irgendwie ist da ein Vibe in meinem Kopf, ohne die Prägung durch das Smartphone, Instagram usw. und den mag ich einfach.
Du schaust dir gerade Oldenburg noch einmal an, machst den ersten Teil deines Umzugs, wie hast du ansonsten den Sommer verbracht?
Es war bisher ein sehr schöner Sommer, der deutlich länger als im Jahr zuvor ist. Wir konnten bereits Ende Mai in den Urlaub nach Indonesien fahren, wo ich jetzt das vierte Mal war. Ich tauche gerne und wir fuhren auf die Gili-Inseln und haben es dort genossen. Wir haben uns verlobt und können langsam in die Planungen einsteigen. Sportlich liegt im Sommer der Fokus eher auf Krafttraining und weniger auf Basketball. Ansonsten können wir in Ruhe den Umzug angehen, noch etwas Zeit in Heidelberg verbringen und die Familie besuchen.
Machen wir noch einmal eine kleine Zeitreise. Es ist Frühjahr 2020, die Corona-Zeit und du triffst die Entscheidung, dass deine Karriere nicht in Oldenburg weitergeht. Wie kam es dazu?
Ich erinnere mich an das Corona-Turnier in München. Darauf hatte ich mich damals sehr gut vorbereitet, habe an mir gearbeitet, fühlte mich sehr gut in Form. Ich habe dann trotzdem nicht gespielt, das war für mich das Zeichen, dass ich einen anderen Weg gehen muss und woanders Spielzeit finden muss. Ich musste einen Schritt zurückgehen, um Spielzeit zu bekommen und deshalb fiel die Entscheidung für den Wechsel. Über Hagen habe ich den Weg in die BBL zurückgefunden und heute denke ich, dass alles so sein sollte. Jetzt, sechs Jahre später, sitze ich wieder hier, aber ich bin ein anderer Mensch und Spieler als damals.
Mit welchem Gefühl hast du den Club und die Stadt damals verlassen?
Es waren gemischte Gefühle. Auf der einen Seite war ich traurig, weil ich den Club und das Umfeld sehr mochte, auf der anderen Seite war ich aber auch glücklich, weil ich wusste, dass ich sportlich diesen Wechsel brauche. Ich war natürlich auch enttäuscht, dass es hier nicht ganz geklappt hat. Jetzt bin ich glücklich, dass ich wieder hier bin, weil hier super Menschen im Club sind.
Du hattest trotzdem vier prägende Jahre, der Übergang vom Jugendspieler zum Profi, als Teenager passiert viel in der Entwicklung. Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen?
Es war für mich eine gute Zeit, die ich hier in Oldenburg erlebt habe, aber trotzdem war es für mich wichtig, danach zu merken, dass es mehr als Basketball gibt. Ich glaube, ich hätte hier menschlich schon mehr aus mir machen können, mich weiterentwickeln und weiterbilden können. Das hat mir viel gegeben, dass ich gemerkt habe: Hey, es gibt noch andere Dinge im Leben, die eine Bedeutung haben und aus denen man wieder Motivation für den Sport ziehen kann. Man muss aber auch sagen, dass ich hier eine tolle Zeit mit den Jungs hatte, Robert Drijencic, Haris Hujic usw. und mit Legenden wie Rickey Paulding, Rasid Mahalbasic oder Karsten Tadda spielen zu dürfen und zu lernen.
Du hast über persönliche Weiterentwicklung gesprochen, was war für dich sportlich der Schlüssel?
Ich hatte immer Probleme mit meiner Athletik, da war ich noch nicht auf dem Niveau, wie ich es brauchte. Mir wurde irgendwann klar, dass es so nicht reicht und ich habe zum Beispiel das Thema Ernährung in den Fokus genommen. Das spielt eine sehr wichtige Rolle im Profisport. Es gibt Spieler, die alles essen können, für mich gilt das aber nicht. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, mir jemanden dazu geholt, der mich seit vier bis fünf Jahren begleitet. Das war ein ganz wichtiger Faktor, um auf das nächste Level zu kommen. Ich habe abgenommen, gleichzeitig Muskeln aufgebaut, bin schneller geworden. Vorher war die Defensive bei mir ein Thema, mittlerweile weiß ich, dass ich fit genug bin, um defensiv in der BBL zu bestehen. Die Offensive kommt dann von allein.
Gab es einen Moment, wo du dachtest, jetzt bin ich wirklich als Basketballer angekommen?
In der ProA habe ich viel gespielt und dabei gemerkt, dass ich die Qualität habe. Vorher habe ich vielleicht auch mal an mir gezweifelt. Als ich in Heidelberg wieder in die BBL gekommen bin, gab es noch einmal den Reality-Check, dass die BBL ein anderes Level ist. Spätestens im zweiten Jahr in Heidelberg habe ich in allen Bereichen zehn Prozent draufgelegt. In der Folge habe ich mehr gespielt und wusste für mich, dass ich in die BBL gehöre. Vielleicht habe ich die wichtigen Dinge ein, zwei Jahre zu spät erkannt, aber ich habe sie erkannt. Ich habe noch einige Jahre und merke, dass ich jetzt erst beginne, auf diesem hohen Level zu spielen. Ich freue mich auf die nächsten Jahre.
Wenn man in deine Statistiken schaut, will man es fast nicht glauben, aber da stehen neun Jahre BBL und drei Jahre ProA, obwohl du noch nicht einmal 30 bist. Das heißt, du fällst fast schon unter den Begriff Veteran. Was hat sich in der BBL verändert?
(Lacht) Ja, ich hatte die Zeit dazwischen irgendwie nicht. Ich war immer Rookie oder jetzt der erfahrene Spieler. Die BBL ist schneller und athletischer geworden. Außerdem ist sie in der Breite deutlich stärker. Es ist wahrscheinlich die ausgeglichenste Liga in Europa, wo die Teams von Platz 3 bis 14 auf einem sehr ähnlichen Niveau sind. In jeder Woche gibt es eine Überraschung und die Plätze 6 bis 12 trennen gefühlt nur zwei Siege. Damals gab es klare Favoriten, die sich immer abgesetzt haben und auch immer in den Playoffs standen.
Dein letztes Jahr als Profi war individuell sehr gut, als Mannschaft klappte es nicht. Wie geht man mit diesem Zwiespalt um, wie verarbeitet man so eine Situation mental?
Ich habe es mental einigermaßen gut verarbeiten können. In meinem ersten Jahr in Heidelberg war es deutlich schwerer, zwischen diesen beiden Jahren lagen Welten. Damals hatten wir ein schwächeres Jahr und ich hatte persönlich einen schweren Start. Im letzten Jahr war es für uns schwer zu verstehen: Wir hatten die gleiche Mannschaft, haben nur wenige Positionen getauscht, aber es hat nicht funktioniert. Ich habe dann versucht, an mir zu arbeiten, meine Leistungen zu bringen und mich selbst nicht nach unten ziehen zu lassen. Es war die Motivation alles zu tun, um der Mannschaft zu helfen. Mir tut es für die Mannschaft und die Stadt Heidelberg trotzdem wahnsinnig leid, dass es zum Abstieg gekommen ist.
Wie war das Gefühl, als die EWE Baskets zum ersten Mal angeklopft haben?
Ich wusste über meinen Agenten, dass die Teams langsam mit den Gesprächen beginnen und ich selbst war mir klar, dass ich wahrscheinlich nicht in Heidelberg bleibe. Die Kommunikation mit meinem Agenten und mit Srdjan Klaric hat mir schnell deutlich gemacht, dass man mich bei den EWE Baskets jetzt anders sieht, dass ich als gestandener Spieler komme und der Club sieht, was man von mir bekommt. Natürlich lag diese Entscheidung auch nicht allein bei mir. Wir haben uns als Paar in Heidelberg im täglichen Leben sehr wohl gefühlt, meine Verlobte war dort beruflich gut eingebunden. Diese Themen haben ebenfalls eine Rolle gespielt. Wir waren beide überzeugt, dass die EWE Baskets und Oldenburg für uns die richtige Entscheidung sind und das hat sich mit den ersten Besuchen, der Wohnung usw. auch noch einmal verfestigt.
Du bist als junger Spieler gegangen, kommst du jetzt mit dem Mindset zurück, dich noch mal besonders beweisen zu wollen, hast sozusagen den „Chip on your shoulder“?
Ich glaube nicht, dass ich mir diesen Stress mache, weil ich mittlerweile weiß, was ich kann. Mir gehen da ganz andere Gedanken durch den Kopf. Ich will, dass der Club als Ganzes in die richtige Spur kommt und in der Tabelle nach oben klettert. Für mich persönlich gehören die EWE Baskets da hin und ich würde auch gerne die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb schaffen. Es ist zum Beispiel auch eine Frage der Ehre, dass wir besser als Vechta abschneiden, weil das eben das Derby ist. Das sind Sachen, die mir viel wichtiger sind als individuelle Gedanken.
Wie siehst du deine Rolle, deine Verantwortung für das Team, in das du jetzt kommst?
Ich glaube, dass wir mit Seth und seiner Erfahrung einen hervorragenden Teamleader haben werden. Daneben bringe ich meine Erfahrung aus fast zehn Jahren BBL gerne ein, kenne die Liga und weiß, was uns erwartet. Egal, wie viele Minuten ich auf dem Parkett stehen werde, ich werde alles geben und werde versuchen, meine Stärken einzubringen und dem Team auf und neben dem Feld zu helfen.
Gibt es Momente, auf die du dich besonders freust?
Auf jeden Fall! Es war schon cool, hier im Trainingscenter zu sein. Ich habe zum Beispiel gerade das Rickey Paulding Junior Center zum ersten Mal gesehen, es ist schon wahnsinnig, was hier alles passiert ist. Auf den Alltag freue ich mich sehr, aber auch auf die Heimspiele, zum Start den EWE Baskets Day. Auch da freue ich mich darauf, viele bekannte Gesichter zu sehen.