Seit gut einem Monat ist Lazar Spasic neuer Headcoach der EWE Baskets Oldenburg und hat das Team mit vier Siegen in Serie in die Spur gebracht. Im Interview sprechen wir über die sportlichen Veränderungen und die Arbeit im Trainerteam. In der kommenden Woche folgt der zweite Teil des Interviews, in dem Lazar Spasic über seinen Werdegang spricht.
73:73! Letzter Ballbesitz für unser Team. Chris Clemons trifft den Gamewinner. Wir haben es alle gesehen, aber was ging durch deinen Kopf, warum hast du dieses Play gewählt?
Die Entscheidung, Chris in solchen Situationen die Verantwortung für den letzten Wurf zu übertragen, habe ich bereits vor einem Monat getroffen. Er hat sich mein Vertrauen erarbeitet, ich glaube an ihn, und dieses Vertrauen kann man auch in den Aufnahmen des Spiels sehen. Seit unserem ersten Gespräch mit mir als Headcoach hat er mir bewiesen, dass er bereit ist, für das Team Opfer zu bringen, und er hat seine Herangehensweise als unser Point Guard stark verändert.
Er verdient mein Vertrauen! Für den Zuschauer mag es so ausgesehen haben, als hätte er bis zu diesem Zeitpunkt kein gutes Spiel gemacht, aber ich weiß, wie unser Plan für das Spiel war, und ich weiß, wie er am Ende drei Verteidigungssequenzen mit vier Fouls gespielt hat. Er verdient das Vertrauen und den Glauben an ihn, und er wird immer mein Vertrauen und das des Teams haben, das Spiel für uns zu entscheiden – selbst, wenn er diesen Wurf diesmal verfehlt hätte.
Wir haben unsere Big Men mit den Screens als Köder eingesetzt, um den Fokus vom Doppeln gegen Chris wegzunehmen und ihm den Raum zu öffnen, Eins-gegen-eins zu spielen, und das hat funktioniert.
Rückblende um einige Wochen: Nach der Niederlage gegen Würzburg wurdest du gebeten, die Rolle als Headcoach zu übernehmen. Was waren da deine Gefühle?
Mein Gefühl war, dass ich einen Weg finden musste, das Team wachzurütteln. Zu den Spielern hatte sich bereits eine gute Beziehung aufgebaut. Ich hatte einen klaren Plan im Kopf, wie mein Team aussehen und funktionieren sollte. In den ersten Tagen musste ich abwarten, wie die Mannschaft meine Ideen annimmt. Ich glaube an Regeln! Ein System kann nur funktionieren, wenn es Regeln gibt und diese von allen respektiert werden. Wenn das der Fall ist, weiß jeder Spieler in jeder Situation, wie er sie lösen muss!
Ich habe eine große Verantwortung gespürt, aber ich bin jemand, der gerne Entscheidungen trifft und Verantwortung übernimmt. Nach ein oder zwei Tagen war ich mir sicher, dass alle mitziehen und unser Plan funktionieren würde.
Als Trainer kann ich kein Ergebnis garantieren, aber ich glaube daran, jeden Tag und in jedem Training die beste Version seiner selbst zu sein. Wenn man das jeden Tag lebt, werden die Ergebnisse folgen.
Was musste sich im Team ändern, um in die Spur zu finden?
Wir hatten zwei mögliche Wege. Zum einen hätten wir auf dem bisherigen Weg mit unseren alten Prinzipien bleiben können und hätten versuchen können, die Fehler zu korrigieren. Die zweite Möglichkeit war, diesen Weg hinter uns zu lassen und ein neues System von Grund auf neu zu bauen. Wir haben intensive Gespräche miteinander geführt, was die beste Entscheidung wäre, aber am Ende haben wir uns für die zweite Option entschieden, um den Weg auf meine Art fortzusetzen.
Wir haben uns dafür entschieden, weil ich zwar einerseits an die tägliche Arbeit glaube, wir aber auf lange Sicht auch die bestmögliche Entwicklung wollen. Meine Aufgabe war es nicht nur, in den nächsten zwei oder drei Spielen bessere Resultate zu erreichen. Meine Aufgabe ist es, etwas aufzubauen, das für unser Management, unsere Fans, unsere Sponsoren – für alle in unserem Club – erkennbar ist. Ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg und werden konsequent in diese Richtung weiterarbeiten.
Wenn ein neuer Coach eine Mannschaft übernimmt, muss er mit Spielern arbeiten, die er nicht ausgesucht hat, muss sie kennenlernen und möglicherweise seine Philosophie anpassen. Wie war es in deinem Fall?
Predrag Krunic war, wie es in den meisten Clubs üblich ist, für die Auswahl der Kaders verantwortlich. Franjo und ich waren in das Scouting eingebunden, und ich bin überzeugt, dass die Zusammenstellung unseres Teams gelungen ist. Als ich die Namen auf der Liste gesehen habe, war ich mir nicht sicher, ob wir sie alle würden verpflichten können. Umso beeindruckter war ich, dass Srdjan einen Weg gefunden hat, diese Spieler für uns zu gewinnen, obwohl wir nicht an einem europäischen Wettbewerb teilnehmen konnten.
Wir haben qualitativ hochwertige Spieler mit dem richtigen Charakter ausgewählt. Für mich als Headcoach war es in den vergangenen acht Jahren immer wichtiger, die richtige Persönlichkeit zu finden, als nur die Qualität. In unserem Fall glaube ich jedoch, dass die Spieler in unserem Kader beides vereinen!
In James Woodard und Tomislav Zubcic stehen zwei Spieler im Kader, die nicht zum eigentlich geplanten Kader gehörten. Wie wichtig sind beide Spieler für die Mannschaft?
Es ist nicht einfach, kurz vor dem Saisonstart oder während der bereits laufenden Saison Spieler mit der richtigen Qualität und Charakter zu finden, aber das Management hat einen sehr guten Job gemacht. James und Tomislav sind ganz entscheidende Bestandteile unserer Mannschaft. James gibt uns an beiden Enden des Spielfelds große Qualität, Tomislav sorgt für Stabilität, er hat ein tiefes Verständnis des Spiels und hilft im Rebounding. Der Einfluss, den James und Tomislav mit ihrem Charakter und ihrer Erfahrung auf das Team haben, ist jedoch genauso wichtig!
Mit dir, Franjo Borchers, Matias Suhurt und Marko Ilic sind alle Mitglieder des Coaching-Staffs jünger als 35. Wie wichtig ist der Zusammenarbeit und Unterstützung innerhalb dieses Teams?
Ihre Arbeit ist unglaublich wichtig. Moderner Basketball bedeutet, dass jeder im Coachingstaff wirklich eingebunden sein muss. Franjo als Assistant, Matias als Athletik- und zweiter Assistant-Coach, Marko als unser Physiotherapeut – wir alle müssen als Einheit zusammenarbeiten.
Alleine kann ich nicht smarter sein als wir alle zusammen. Dazu habe ich Srdjan an meiner Seite, mit dem ich im ständigen Austausch bin und der mir mit seiner großen Erfahrung in der täglichen Arbeit, aber auch an den Spieltagen wertvolle Hinweise geben kann. Gemeinsam müssen wir den besten Weg für das Team finden, auch wenn ich am Ende die Entscheidungen treffen muss. Wir arbeiten hart, wir vertrauen einander, und jeder hat seine eigene Rolle und Verantwortung. Ich denke, wir sind das jüngste Trainerteam in einer der Top-Ligen Europas. Das ist eine große Chance und gleichzeitig eine große Verantwortung für uns, und wir sind sehr zufrieden damit, wie wir zusammenarbeiten.
Die größte Veränderung war auf den ersten Blick die Ballbewegung in unserer Offensive. Wie nimmst du diese Veränderungen wahr?
Auch wenn du nach der Offensive fragst, muss ich zunächst sagen, dass meine Philosophie bei der Verteidigung beginnt. Wenn man ein ernstzunehmendes Team sein und etwas gewinnen möchte, muss man Basketball in beide Richtungen des Courts spielen und sich nicht nur auf die Offensive konzentrieren. Deshalb ist die Defense der wichtigste Teil meines Systems. (Lächelt) Aber wie viele Spieler kennst du, die lieber verteidigen als angreifen?
Wenn man gute Verteidigung spielen will, müssen die Spieler in der Offensive also zufrieden sein. Um das zu erreichen, muss jeder in die Offensive involviert sein. In diesem Zusammenhang tragen Chris Clemons und Brian Fobbs, die als unsere Point Guards spielen, die Verantwortung, den Ball zu teilen – besonders im Pick-and-Roll mit dem richtigen Timing und der richtigen Intensität. Danach haben wir klare Regeln; zum Beispiel, welche Würfe wir nehmen wollen.
Wir haben uns bereits verbessert, aber ich sehe weiterhin großes Entwicklungspotenzial in unserer Offensive, etwa bei der Entscheidungsfindung und in vielen weiteren Details. Ich denke, wir bewegen uns in eine gute Richtung, und ich glaube, dass der beste Arbeiter ein glücklicher Arbeiter ist. Es ist meine Verantwortung, die Spieler glücklich zu halten, und ich werde 24/7 für sie da sein. Auf der anderen Seite erwarte ich von ihnen, dass sie sich für das Team aufopfern und jeden Tag die beste Version ihrer selbst sowie der beste Teamkollege sind, der sie sein können.
Es gab auch Änderungen in der Art, wie wir unsere Center in der Defensive und Offensive nutzen. Wie blickst du darauf?
Meine Aufgabe ist es, zu versuchen, den Spielern zu helfen, und meine Erwartung an sie ist, dass sie den anderen helfen. Für mein System sind die Big Men sehr wichtig. Ich erwarte von ihnen, dass sie unserem Team defensiv sehr helfen und am Ende einer flüssigen Offensive mit guter Ballbewegung, leichte Abschlussmöglichkeiten am Brett bekommen.
Wir stehen noch am Anfang unserer Entwicklung, deshalb wird es Fehler in der Kommunikation geben. Dennoch müssen wir unserem Weg vertrauen und unsere Emotionen kontrollieren. Sowohl Michale als auch Filip – auch wenn sie unterschiedliche Spielertypen sind – leisten defensiv großartige Arbeit. Ich möchte sie offensiv stärker einbinden. Daran arbeiten wir jeden Tag, wir kommunizieren viel, aber das braucht noch etwas Zeit.
Im letzten Spiel gab es eine kleine Überraschung mit Colin Schroeder in der Starting Five. Was war der Grund und welche Bedeutung hat das Nachwuchsprogramm für dich?
Ich bin mit dem Level dieses Clubs in jeder Hinsicht äußerst zufrieden. Natürlich kannte ich den Club bereits vorher, aber ich war überrascht von dem hohen Maß an Professionalität in jedem Detail. Zu Beginn musste mein Fokus auf der ersten Mannschaft liegen, inzwischen schaue ich aber auch auf das Nachwuchsprogramm, die zweite Mannschaft in der ProB sowie auf NBBL und JBBL. Wir sind im Sommer in die ProB aufgestiegen, waren drei Mal in zwei Jahren in einem Finale in NBBL oder JBBL. Die Trainer und die Auswahl der Spieler sind hervorragend. Vom Niveau der Nachwuchsarbeit bin ich wirklich beeindruckt, und ich denke, den größten Anteil an dieser Entwicklung trägt Srdjan.
Colin hat in den letzten Wochen mit uns im Training gearbeitet, und er hat sich seinen Einsatz im Spiel verdient. Dabei geht es nicht um zwei oder drei Minuten Spielzeit. Ich wollte auch die Botschaft senden, dass wir jeden Spieler aus unserem Nachwuchsprogramm im Blick haben, der hart arbeitet, die richtige Einstellung mitbringt und natürlich Talent hat.
Wir zählen auf Colin. Ich hoffe, dass er nach dieser Saison bei uns bleibt, ich hoffe, dass er in Zukunft Einfluss auf unsere Ergebnisse haben wird, und ich hoffe, dass er in meinem System nur der Erste von vielen ist, der eine Chance bekommt. Auch andere Talente helfen uns bereits im Training und sollen in Zukunft eine Chance im Team bekommen. Das Wichtigste dabei: Alles liegt bei ihnen selbst!
Was bei vielen im Kopf geblieben ist, sind die Szenen nach dem Spiel gegen Vechta und Berlin mit unseren Fans. Was bedeutet dir das?
Zuerst einmal arbeiten wir in diesem Sport, weil er mehr ist als nur ein Job. Basketball begleitet mich mein ganzes Leben. Als ich als Headcoach übernommen habe, hatte ich die drei Auswärtsspiele in Braunschweig, Hamburg und Vechta bereits im Kopf. Ich wusste, dass unsere Fans dort in großer Zahl vertreten sein würden.
Mir war es besonders wichtig, gegen München die richtige Einstellung zu zeigen, weil ich spüre, wie sehr unsere Fans diesen Verein lieben und wie viel Zeit, Energie und Nerven sie investieren, um uns zu unterstützen. Gerade ihretwegen ist es mir sehr wichtig, dass wir uns auf die richtige Art und Weise präsentieren!
Ich bin ein emotionaler Mensch, auch wenn ich diese Emotionen normalerweise nicht offen zeige, aber auf dem Basketballfeld kommen sie heraus. Für diesen Club zu arbeiten, der für mich zu den Top-5-Clubs in Deutschland gehört, bedeutet mir sehr viel, und ich möchte beweisen, dass ich diese Chance verdiene, auch wenn ich noch jung bin. Außerdem möchte ich die richtige Verbindung zu allen Menschen aufbauen, die zu diesem Club gehören und ihn unterstützen.
Nach dem Spiel in Vechta sind die Emotionen aus mir herausgebrochen, weil ich gesehen habe, was dieser Sieg im Derby für unsere Fans bedeutet. Als ich dann mit meinem Jubel die Emotionen rausgelassen und ihre Reaktion gesehen habe, habe ich mich mit den Fans sehr verbunden gefühlt! Nach dem Spiel in Berlin war meine Reaktion eher ein Dank für alles, was sie für uns getan haben.