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„Es geht nur zusammen“: Interview mit Tomislav Zubcic

06.03.2026

 Interview: Torben Rosenbohm / Foto: Ulf Duda

Im November verpflichteten die EWE Baskets Oldenburg den ehemaligen kroatischen Nationalspieler Tomislav Zubcic. Der 36-Jährige ist seitdem ein Teil der Wende zum Besseren: Mit ihm im Team gewannen die Niedersachsen acht von zwölf Spielen. Im ausführlichen Interview spricht der Familienvater über seine Karriere, seine bisherige Zeit in Oldenburg und seine Ziele mit der Mannschaft.

Tomislav, lass uns zunächst kurz über die beiden Qualifikationsspiele deines Heimatlands Kroatien gegen Deutschland sprechen. Wie viel hast du davon mitbekommen?

Um ehrlich zu sein, habe ich nur das erste Spiel gesehen, da es ein Heimspiel für Kroatien war. Es war eher ungewöhnlich, dass die Mannschaft vor einer solch vollen Halle und mit einer solchen Unterstützung gespielt hat, denn in letzter Zeit lief es nicht gut, insbesondere in den vergangenen drei Jahren. Nach dem Rücktritt von Bojan Bogdanovic müssen nun andere vorangehen, und das waren jetzt vor allem Mario Hezonja und Dario Saric. Das Talent ist vorhanden, außerdem ist Tomislav Mijatovic ein wirklich guter Headcoach, den ich seit vielen Jahren gut kenne. Es war ein tolles Spiel, genau wie das zweite, in dem Kroatien lange geführt und den Sieg nur knapp verpasst hat. Es war spannend zu sehen, wie sich Deutschland ohne seine Stars schlägt. Sie werden wieder eine gute Rolle spielen – und ich hoffe, das gilt auch für Kroatien. Grundsätzlich spielt Fußball bei uns eine größere Rolle, aber wenn die Basketball-Nationalmannschaft spielt, dann kommt der Stolz durch und man unterstützt seine Jungs. Auch, wenn wir die letzten großen Turniere leider verpasst haben.

Wenn jemand dir vor 20 Jahren, als du bereits in Jugendnationalteams aktiv warst, vorausgesagt hätte, dass du 2026 immer noch als Profi unterwegs bist: Wie hätte deine Reaktion wohl ausgesehen?

Du musst wissen, dass meine Lebensplanung schon immer ein wenig anders aussah, das wissen viele nicht. Und vieles verlief auch anders als bei anderen Jungs in meinem Alter. Ich wollte ein besseres Leben haben, habe immer über längere Zeiträume nachgedacht. Man darf nicht vergessen: Ich bin mit schlimmen Dingen aufgewachsen, es gab Krieg. Daher resultiert alles, was ich erreicht habe, aus einem Ansporn heraus, der sich in der Vergangenheit entwickelt hat. Ich wollte das Schlechte hinter mir lassen, und als ich so etwa im Alter von zehn Jahren mit dem Basketball in Kontakt gekommen bin, merkte ich: Das ist das, was ich liebe. Und das ist etwas, das ich sehr, sehr lange machen möchte. Ich wollte wachsen, ich wollte nach oben, und das treibt mich im Grunde genommen immer noch an. Wenn man erst einmal in diesem System ist, dann gibt man das nicht so schnell auf. Ich war schon immer sehr hartnäckig und mental stark. Das hat mir stets geholfen.

Du hast bereits in vielen verschiedenen Ländern Basketball gespielt. Welche Momente oder Erlebnisse sind dir besonders in Erinnerung geblieben?

Puh … (lacht) … Natürlich hatte ich gute und schlechte Momente, schließlich bin ich inzwischen seit 26 Jahren in Sachen Basketball unterwegs. Grundsätzlich überwiegen die positiven Erinnerungen, egal, um welches Land es geht. Ein bisschen ragt meine Zeit in Neapel heraus, wo ich zwei Jahre verbracht habe. Ich habe wirklich jeden einzelnen Tag dort genossen, es ist eine wunderschöne Stadt, auch sportlich war es eine großartige Erfahrung. Die Stadt bot wirklich alles. Ich lege mich fest: Das war zu 100 Prozent top. Toll war auch meine Zeit in der Türkei, wo ich für Tofas Bursa gespielt habe, einen sehr familiär geführten Club, das hat großen Spaß gemacht. Das war in der Zeit der Covid-Pandemie, ich habe mich voll und ganz auf den Basketball konzentriert. Und schließlich war auch meine Zeit in Russland eine besondere, wo ich viel erlebt habe, was man sonst nicht alltäglich nennen würde. Ich war in Krasnojarsk, eine spannende Stadt, aber im Winter ging die Temperatur zuweilen auf fast minus 40 Grad runter – das war schon speziell. (lacht) So erhält man immer wieder eine andere Perspektive, einen anderen Blickwinkel auf das Leben, und ich bin sehr dankbar für all diese Chancen.

Wie schwierig ist es für dich, an jedem Standort wieder zurechtzukommen und die Besonderheiten vor Ort schnell anzunehmen?

Nun, es ist Teil dieses Jobs. Und am Ende ist das alles ja: ein Job. Ich hatte nie die Möglichkeit, irgendwo länger als zwei Jahre zu bleiben. Und sobald man sich daran gewöhnt hat, kann man damit ganz gut umgehen. Letztlich läuft es so: Man kommt an, findet sich zurecht, gibt alles für sein Team, findet Freunde, knüpft Verbindungen. So stellt sich eine Alltagsroutine ein, die auch das mit einschließt, was abseits des Basketballs passiert. Seit ich eine Familie habe, hat sich das alles ein wenig verändert. Nun habe ich Menschen, die zu Hause sind, wenn ich vom Training oder vom Spiel komme. Das ist wirklich schön. Nicht mehr allein sein zu müssen, wenn man daheim sitzt. 

Die nächste Frage könnte unhöflich klingen, aber: Jetzt, da du 36 Jahre alt bist, liegt der größte Teil deiner Karriere als Profispieler hinter dir. Nimmt das Raum in deinen Gedanken ein?

Natürlich spüre ich meinen Körper inzwischen etwas mehr als früher. Schau dich um: Hier im Team sind alle jünger, manche deutlich. Mein Körper hat schon einiges mehr mitgemacht, als es bei den Jungs hier der Fall ist. Aber ich bin davon überzeugt, dass ich noch mindestens zwei, drei Jahre im Tank habe. Und auch danach möchte ich weitermachen, gesund bleiben; es ist nicht meine Idee, dann einfach ganz aufzuhören. Ich habe eine Familie, für die ich sorgen muss und möchte. Wie ich eben schon gesagt habe: Mit zehn Jahren habe ich mich in den Basketball verliebt. Es ist das, was ich genieße. Und es ist die Welt, in der ich mich selbst am wohlsten fühle. Dieser Funke und diese Begeisterung sind dieselben, wenn ich auf das Parkett gehe. Hier sind bei jedem Heimspiel über 6.000 Fans, das gibt definitiv einen zusätzlichen Boost! Vor allem in meinem Alter. Ich bin hier der Veteran, der älteste Mann auf dem Court. (lacht) 

Hinzu kommt die große Erfahrung, die du inzwischen angesammelt hast …

Mit meinem Wissen und all den Dingen im Kopf, die ich erlebt habe und durch die ich hindurchgegangen bin, kann ich dem Team helfen, klar. Gott sei Dank hatte ich keine großen Verletzungen, ich kann immer noch in jedes Spiel hineingehen und das tun, was ich liebe. Ich denke nicht darüber nach, den Basketball beiseite zu legen und einfach aufzuhören. Mein Körper funktioniert noch, außerdem geht es ja auch und vor allem um mentale Stärke. Ich habe so viel erlebt: Systeme, Trainer, Spieler – ich könnte dir Geschichten erzählen, da kämen wir hier gar nicht mehr zu einem Ende. (lacht) Was danach kommt? Darüber denke ich nach, wenn der Tag gekommen ist.

Als du nach Oldenburg kamst, hatten wir sportlich große Probleme und fanden uns am Ende des Klassements wieder. Was für eine Mannschaft hast du hier vorgefunden, als du zu uns kamst?

Mein erster Eindruck war tatsächlich, dass zwischen den Spielern noch nicht die notwendige Verbindung vorherrschte. Da fehlte dieser letzte Funke in der Teamchemie. Wenn du irgendwo neu hinzukommst, dann ist das wie eine Art Neustart. Ich habe mich in den ersten Tagen darauf konzentriert, ein Gefühl für die Jungs zu bekommen, vor allem für das Mindset. Ich wollte schauen, wer wie denkt und was jeder Einzelne beisteuert, um das große Ganze im Blick zu haben und voranzubringen. Es fühlte sich an wie eine Vielzahl an Puzzlestücken, die erst noch korrekt zusammengesetzt werden müssen. Das ist nicht einfach, aber ich habe in meinen vielen Jahren schon viele ähnliche Situationen erlebt. Als ich nach Neapel kam beispielsweise; wenn ich mich richtig erinnere, stand das Team bei 0-11, als ich dorthin wechselte … Da bleibt einem nichts anderes übrig, als Stück für Stück zu arbeiten und alles in die richtige Richtung zu bewegen. Man muss Leute manchmal zwingen, sie zusammenzubringen. 

Und wie nimmst du das Team jetzt wahr, mehr als drei Monate später?

Jetzt haben wir diese Chemie, und wir sind dabei, etwas Gutes aufzubauen. Wir haben einen Lauf gestartet, jeder konnte das auf dem Spielfeld sehen. Wir müssen den Fans, die uns unterstützen, etwas zurückgeben. An jedem einzelnen Abend in der Arena sind wir gefordert, die Leute glücklich zu machen. Sie sind für uns da!

Wie hat Headcoach Lazar Spasic nach dem Trainerwechsel die Wende hinbekommen?

Der Neustart mit Lazar hat Vorteile für alle gebracht. Er hat sich voll reingekniet, war absolut ehrlich zu jedem und hat seinen Ansatz vermittelt. Was sehr wichtig war, das war das Vertrauen, das alle ihm entgegenbringen. Lazar ist ein sehr junger Coach, der diese große Bühne zuvor noch nicht betreten hatte. Er macht einen großartigen Job und gibt den Jungs den Weg vor, den sie beschreiten müssen, um ihre Stärken zur Geltung zu bringen. Hinzu kommt die bessere Teamchemie, die ich schon angesprochen habe. Man sieht das alles ja auch in den Spielen. Wichtig ist: Sobald wir zusammenspielen, sobald wir den Ball verteilen und alle einbinden, sind wir eines der besten Teams in dieser Liga. Sobald wir zu eigensinnig auftreten, stürzen wir ab. Wir hatten große Probleme, aus dem tiefen Loch herauszukommen; da hat Lazar wirklich stark gearbeitet, um das hinzubekommen. Und jetzt, wo wir in die wichtigste Phase der Saison kommen, müssen wir unseren Weg weitergehen. Wir müssen jetzt das Beste zeigen, was wir können. Das geht nur zusammen – wenn wir das nicht schaffen, erreichen wir nichts.

Wie groß schätzt du deinen Einfluss ein? Vor deiner Ankunft standen wir bei 1-7, in der Folge lautete die Bilanz bis heute 8-4. Es scheint ja nicht von der Hand zu weisen zu sein, dass du an diesem Umschwung beteiligt bist.

Ich möchte mich selbst da überhaupt nicht herausheben, das liegt mir einfach nicht. Ich versuche, einfach zu helfen und etwas mit dem Team aufzubauen. Es geht mir nicht um Zahlen – natürlich sind Zahlen wichtig, um den Sieg zu erzielen. Aber meine persönlichen Werte sind mir egal. Ich bin 36 Jahre alt, in meiner langen Karriere habe ich das immer schon so gehandhabt. Ich jage keinen Punkten nach, ich möchte einfach schauen, wie und wo ich den Jungs helfen kann. Damit sie besser sein können. 

Wobei du Spiele wie das gegen Ludwigsburg, in dem dir 25 Punkte gelangen, vermutlich schon zu schätzen weißt …

(lacht) Ja, klar, natürlich genießt man das. Es zeigt ja nur, was ich immer noch in mir habe. Ich möchte immer die beste Version meiner selbst präsentieren, aber das Team ist das, was zählt. Auch nach dem Spiel gegen Ludwigsburg habe ich hinterher im Interview betont: Das war nicht ich, das war das Team! Wir haben den Ball verteilt, den besten Schützen gesucht und gefunden. Und dann habe ich halt oft den Abschluss gemacht. Das ist es. Es war den anderen zu verdanken, dass es so lief. Ich bin da, um zu liefern, wenn andere mir diese freien Würfe schenken. Das alles hat viel mit dem Charakter zu tun. Ich bin keiner, der vor der Verantwortung fortläuft. Genau deshalb bin ich ja hier. Als Predrag Krunic mich anrief und sinngemäß sagte: ‚Wir sind in einer schlechten Situation, möchtest du zu uns kommen und helfen?‘, da antwortete ich: Klar, was benötigt ihr? So bin ich: Ich bin immer auf der Suche nach Herausforderungen. Ich möchte beweisen, dass es immer etwas Gutes gibt, das man aktivieren kann – mit harter, ehrlicher Arbeit. Ich möchte immer etwas aufbauen. Da bin ich, wie gesagt, sehr hartnäckig.

Wir haben zuletzt zwei hohe Niederlagen erlitten – im Ligaspiel in Ulm und im Pokalhalbfinale gegen Berlin. Was muss passieren, damit die grundsätzlich positive Stimmung keinen Schaden nimmt?

Ich wiederhole mich gern: Es geht darum, als Team zu spielen. Wir müssen gemeinsam auftreten: offensiv ebenso wie defensiv. Wenn wir den Ball nicht verteilen, sind wir kein gutes Team. Geht der Ball rum, ist jeder beteiligt, ist automatisch jeder glücklich. Dann spielen wir nicht nur eine bessere Offensive, sondern eben auch eine bessere Defensive. Hinzu kommt, dass wir eine Phase vor dem Pokalwochenende hatten, in der einige Jungs angeschlagen waren. Nun kommen sie nach und nach zurück. Wir benötigen den Glauben an uns selbst, ein wenig Geduld und harte Arbeit – oder lass es mich so formulieren: smarte Arbeit. Wir müssen die Teile wieder zusammenbringen, wenngleich noch immer nicht alle wieder hundertprozentig fit sind. Also: Geduld, alle einbinden – das ist das Wichtigste für die kommenden Wochen.

Blicken wir noch mal auf das Pokalwochenende zurück. Gegen ALBA waren wir letztlich chancenlos, und in einigen Phasen fehlte das, was du eben angesprochen hast …

Du hast Recht. Also: Wir dürfen den Faktor nicht unterschätzen, dass wir nicht ausreichend gesunde Leute zur Verfügung hatten, um angemessen zu rotieren. Gerade auf den großen Positionen, wo Filip ausfiel und Michale noch nicht wieder ganz fit war. Und dann sah es tatsächlich zwischenzeitlich wieder so aus, als würden vier Spieler abwarten, was passiert. Das bringt niemanden weiter. Wir können das viel besser, das haben wir in den vergangenen Wochen ja bewiesen. Wir haben manche Teams praktisch gekillt mit unserem Spiel – wir haben den Ball gepasst, sind in die Zone gezogen, haben wieder gepasst, hier ein Dunk, da ein offener Wurf. Dahin müssen wir jetzt zurück. Und mit dieser Art des Spiels steigern wir uns wie von selbst in der Defensive. Jeder ist gehypt, wenn wir den Ball verteilen und der offene Mann den Wurf trifft. In Ulm und München hatten wir außerdem große Probleme beim Rebound. Wir haben zu oft dem Ball hinterhergeschaut und abgewartet, was wohl passiert. Das ist natürlich nicht gut.

Wir haben noch 14 reguläre Saisonspiele vor uns. Was dürfen die Fans von den EWE Baskets aus deiner Sicht erwarten?

Vor uns liegen die wichtigsten zwei Monate der regulären Saison. Wir müssen wieder den Weg einschlagen, auf dem wir uns bis zum Spiel in Ulm befunden haben. Das schaffen wir, wenn wir zusammenbleiben. Es geht im Grunde nun für Trainer und Spieler gar nicht mehr in allererster Linie um den Basketball an sich, sondern insbesondere um die Teamchemie. Man muss als Mannschaft darauf vorbereitet sein, dass es Ups und Downs gibt, denn schließlich bereiten sich alle Teams in der Liga auf diese entscheidende Saisonphase vor. Die Teams, die nun zusammenbleiben, werden am Ende die sein, die in die Playoffs beziehungsweise Play-Ins kommen. Wir bauen uns nun etwas auf, und damit müssen wir direkt am Freitag gegen Bonn beginnen, wenn wir auf einen sehr diszipliniert agierenden Gegner treffen.

Du hast in der Saison 2017/18 in Bonn gespielt. Ist es immer noch etwas Besonderes, gegen einen ehemaligen Club anzutreten?

Das ist definitiv immer noch etwas Besonderes. Der Club ist schließlich ein Teil meiner Karriere, das sorgt immer für eine spezielle Verbindung. Ich habe dort gern gespielt und habe auch dort versucht, dem Team das zu geben, was es benötigt. Gegen ehemalige Teams möchte man gut aussehen, möchte als die beste Version seiner selbst auftreten. Sobald man das Parkett betritt, trifft man auf einen ehemaligen Club – und dann möchte man gut spielen, keine Frage. Ich glaube, das geht im Grunde jedem so.

Zum Schluss: Du hast vor fast zehn Jahren schon einmal in der Bundesliga gespielt. Wie ist dein Eindruck von der aktuellen Situation in der Liga, auch im Vergleich zu damals?

Im Vergleich zu heute, und das alles liegt ja nun tatsächlich schon wieder acht Jahre zurück, habe ich schon das Gefühl, dass es damals individuell doch ein paar Spieler mehr gab, denen man eine besondere Qualität angemerkt hat. Es wirkte wie ein anderes System. Keine Frage: Organisatorisch ist alles besser geworden, Basketball in Deutschland ist populärer, das alles hat einen großen Sprung gemacht. Aber die Qualität kam mir im Rückblick höher vor. Wenn du allein daran denkst, welche Namen hier durch die Liga gelaufen sind. Da sind so viele Leute dabei, die man jetzt als Legenden bezeichnet. Grundsätzlich muss ich aber betonen: Das ist eine tolle Liga! Schau auf die Tabelle, wie eng es zugeht. Jedes Spiel ist herausfordernd. Und die Fans kommen in großer Anzahl und unterstützen ihre Clubs. Wir sind dafür ja das beste Beispiel!